Ankara

Die Fahrt nach Ankara ist ab Akşehir recht langweilig. Hier beginnt das Anatolische Plateau – riesige, recht trockene Landwirtschaftsflächen auf circa 1000 Metern Höhe. In Ankara bleiben wir vergleichsweise lang – 1½ Wochen, nicht weil uns diese Stadt so gut gefällt, sondern weil wir verschiedene Erledigungen machen müssen. Alles fängt an mit einem Zahnarztbesuch. In den folgenden Wochen lernen wir das türkische Gesundheitssystem kennen. Später dazu mehr. Dann beantragen wir unsere Iran-Visa. Vorher brauchen wir noch von der Deutschen Botschaft ein Empfehlungsschreiben. Wir bekommen einen Termin 2 Tage später um exakt 11:15 Uhr. – Deutsche Pünktlichkeit? Termine dieser Art einzuhalten sind wir nicht mehr gewohnt. Das Empfehlungsschreiben vergibt unsere Botschaft nur mürrisch. Sie macht unser Vorhaben madig. Zum Beispiel sollte die Bearbeitung unseres Iran-Visas bis zu 2 Monate dauern. Dagegen ist die Iranische Botschaft in Ankara ausgesprochen freundlich. Unsere Visa halten wir einen Tag (!) später in den Händen. Hätte die Bank zur Einzahlung noch geöffnet, erhielten wir unsere Visa noch am selben Tag. Pro Person kostet es 50 €. Kinder, die im Pass der Eltern stehen, bekommen kein eigenes Visum und zahlen nur 15 €, können jedoch auch ein eigenes Visum beantragen, sofern sie einen eigenen Pass besitzen, zahlen dann aber eben 50 €. Die Preise beziehen sich auf eine Bearbeitungszeit von circa 5 Tagen. Nur durch glückliche Umstände bekamen wir die Expressbearbeitung, die normalerweise 50 % Aufschlag kostet. Darüber hinaus – Iranreisende bitte nicht ärgern – benötigen wir noch nicht mal eine Referenznummer und brauchen von Nikita auch kein Passbild mit Kopftuch, wie bei uns in Berlin verlangt.

Zwangsweise lernen wir Ankara immer besser kennen. In einer Nebenstraße eines Armenviertels fahren wir uns nachts eine Schraube in den Reifen. Sofort wechseln wir den Reifen mit einem Gefühl der Unsicherheit. Ghettokids um uns. Wird hier noch etwas passieren? Es ist nichts passiert, doch nächsten Abend steuern wir im Stadtteil Ulus unseren nächsten Übernachtungsplatz an. Die Lage ist top. Wir haben einen wunderbaren Ausblick auf die Stadt und befinden uns unmittelbar an der Altstadt. Kurz darauf werden wir Zeugen einer Gewalttat. Wir beobachten über die Seitenspiegel wie drei Autos halten, aus denen Männer steigen, dann wird jemand zusammengeschlagen. Wir fahren langsam weiter. Ein Taxifahrer hält uns zwei Minuten später an und erklärt uns, dass wir dieses Viertel in der Dunkelheit besser nicht aufsuchen sollten. In den nächsten Tagen sehen wir viele Armenviertel, dicht an dicht zur Schickeria auf den Hauptstraßen. Mancherorts stehen riesige Laternen. Das sind ufoartige, großflächige Reflektoren in vielleicht 30 Metern Höhe, die von gewaltigen Strahlern darunter beleuchtet werden, so dass das Licht großflächig in jede noch so kleine Pore des Molochs strahlt. Eine Form der Kriminalitätsprävention? Auffällig und unangenehm ist die Präsenz vielfältiger privater Security, der Polizei (Polis), der Gendarmerie (Jandarma) und des Militärs, wenngleich alle sehr freundlich sind. (Doch auch nur weil wir hellhäutig und blond sind und nach Geld aussehen und das, obwohl wir ungepflegter erscheinen als manch Bettler. Doch langsam fängt auch hier die dünne Mittelschicht an, das enge Korsett alter Etiketten abzulegen. Hier tragen sogar Ziegenhirten Anzüge.) Selbst knapp außerhalb Ankaras patrouilliert die Polizei abends auf einsamen Feldwegen, fragt nach Ausweisen und weist freundlich darauf hin, zu unserer Sicherheit die Türen von innen zu verschließen. Dass wir hier irgendwo übernachten, ist nie ein Problem.

Warum bleiben wir 1½ Wochen in Ankara? Nikita wird von Anfang an von Zahnschmerzen gepeinigt – nicht nur eines Zahns. Später kommt eine hartnäckige Infektion dazu. Im Lonely Planet (LP) lesen wir, dass die medizinische Versorgung in der Türkei dürftig ist. Wir werden auf die Webseite des Centrum für Reisemedizin verwiesen. Wir entscheiden uns daraufhin nach Ankara zu fahren. Unser erster Eindruck bestätigte die Aussage des LP, wir lernen aber immer bessere Adressen kennen und werden dort immer bevorzugt behandelt.

Bevor wir Ankara verlassen sehen wir natürlich noch das Anıtkabir (Gedenkstätte Atatürks). Die anschaulichen lebensgroßen Kriegsszenen aus den türkischen Befreiungskriegen hat Elias enorm beeindruckt. Niemand wird in der Türkei so grenzenlos glorifiziert wie Mustafa Kemal Atatürk. Ein Personenkult, der einem Deutschen nach dem 3. Reich erst einmal befremdlich ist. Wir haben uns daran gewöhnt.

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