Die geheime heiße Quelle

Auf dem Weg nach Pamukkale kommen wir durch Selçuk, wo die berühmte Stadt Ephesos erbaut wurde. Hier sollen noch die meisten und am besten erhaltenen Ruinen stehen. Wir nähern uns mit Skepsis, haben aus dem Auto schon einen guten Einblick, doch mit der Enttäuschung aus Bergama im Nacken entscheiden wir uns gegen einen Besuch. Warum? Schlechtes Wetter, viel Eintritt, viele Touristenbusse.

Hinter den Sintherterrassen von Pammukale finden wir ein Plätzchen zum Übernachten und wissen noch nicht, dass wir direkt am Dorfgeheimnis schlafen. Erst am nächsten Morgen erfahren wir etwas umständlich von der versteckten heißen Quelle 15 Meter von uns entfernt. Eine Einstimmung auf das was jetzt kommt:

Die Terrassen übertreffen alles bisher erlebte. Es wird für uns, besonders für Elias (und für alle Wasserratten), unvergesslich. So unvergesslich, dass wir uns selbst an den Touristenmassen nicht mehr stören.

Für die nächsten 3 Tage suchen wir die langersehnte Entspannung am Eğirdir Gölü, einem See. Richtig entspannen können wir mit den Kindern leider doch nicht. Wir gehen Feuerholz suchen, Holz hacken, weihen unseren Dutch Oven im Lagerfeuer ein, kokeln, bauen etwas am Auto, waschen Wäsche und finden zur Unterhaltung der Kinder Schildkröten, Krabben und Frösche.

Esthas Geburtstag

Esthas erster Geburtstag. Wirklich registrieren tut sie ihn nicht. Dafür wir und, wer hätt’s gedacht, die Türken. Estha avanciert zum Star. Sie ist ein Baby, hellhäutig, blauäugig und (!) sie ist (mittlerweile) hellblond. Für die Türken muss sie so etwas wie ein Engel sein. Als Beispiel: Wir spazieren am Hafen entlang, werden von unzähligen lächelnden, lachenden oder kichernden Augen verfolgt, werden angesprochen, Estha wird angefasst und beschenkt. Wir setzen uns in ein Café. Der Kellner weiß nicht, dass er ihr ihren ersten Lutscher bringt. Sie lernt schnell wozu so ein Ding da ist, als dann Estha auf den Arm genommen wird, zu weinen beginnt und wieder zu einem von uns flüchtet. Aber auch Elias bekommt häufig eine Süßigkeit zugesteckt, wird getätschelt, ist aber schon zu groß, zu wild.

In Izmir holen wir uns mobiles Internet. Turkcell ist der Quasimonopolist – ähnlich der Telekom vor 15 Jahren. Für alle Türkei(durch)reisende trotzdem ein echter Tipp, denn andere Konkurrenten (Vodafone) sollen im Osten und auf dem Lande eine schlechtere Netzabdeckung haben. Turkcell bietet einen schnellen Internetzugang (HSPA, also ähnlich DSL) in allen größeren Ortschaften, nur außerhalb davon muss man sich dann mit ISDN-Geschwindigkeit (EDGE) begnügen. Leider braucht man einen in der Türkei zugelassenen Surfstick (79 TL, 36 EUR), da ausländische Sticks wohl nach circa einer Woche gesperrt werden sollen. Und offiziell können Touristen ihn nicht erwerben, da sie keinen türkischen Wohnsitz haben. Doch bis jetzt fand sich in jedem Turkcell-Store jemand, der uns das trotzdem ermöglicht hat. Wir zahlen im Paket mit dem Surfstick für 4 GB Transfervolumen einen Monat lang 40 TL, 18 EUR (also insgesamt 119 TL, 53 EUR), später für 1 GB Transfervolumen eine Woche lang 12 TL, 5 EUR.

Danach erkunden wir unseren ersten türkischen Basar, in seinem Herzen noch in den alten Gemäuern von 1744. Wir sind in 1001 Nacht! Später fahren wir raus aus der Stadt und schlafen auf einem verwaisten Rastplatz mit Steh-WC, Waschbecken und überdachten Bänken und Tischen.

In der Türkei

Wie immer in einem neuen fremden Land fühlen wir uns etwas unsicher. Doch das Gefühl verfliegt, denn morgens werden wir nett begrüßt von allen, die an uns vorbei fahren, denn Estha ist von jetzt an der Star. Wir fahren weiter in Richtung Izmir, halten in Edermit und kochen uns etwas zum Abend. Schon kommen die Besitzer eines kleinen Sägewerks und wollen uns zum Essen einladen. Wir müssen ablehnen. Unser Essen steht schon auf dem Tisch. Als wir weiter fahren wollen wird uns noch schnell eine Tüte mit gegrilltem Fleisch ins Auto gereicht.

Weiter geht’s nach Bergama zur Akropolis von Pergamon. Es ist eine Enttäuschung. Wenig erhaltene und zusammenhängende Bauwerke präsentieren sich uns, dafür aber eine moderne Seilbahn und viel Eintrittsgeld. Es braucht viel Vorstellungskraft diesen Ort erwachen zu lassen, die einem Kind von 5 Jahren natürlich fehlt. Wir geben uns Mühe. Beim alten (und steilsten) Amphitheater der Antike steigen wir die vielen Treppen hinab und brüllen einmal nach ganz oben, wo jedes Wort erwartungsgemäß gut zu hören ist. Elias ist stark beeindruckt. Leider sind die Abendländer tollwütige Plünderer. So steht zum Beispiel der Zeus-Altar im im Pergamonmuseum in Berlin (Museumsinsel) und nicht hier in Pergamon. Im 19. und 20. Jahrhundert wurde eine riesige Kulturausbeute betrieben. Für eingefleischte Romantoriker wahrscheinlich trotzdem ein Muss. Wieder unten im Dorf (Bergama) versucht uns ein kleiner Junge händeringend in sein Restaurant zu überreden. Der Junge, vielleicht 13 Jahre alt, serviert uns mannhaft das Essen und kneift, wie die Alten, Estha in die Wange. Abends fahren wir weiter nach Izmir, der drittgrößten Stadt der Türkei, und schlafen am Meer etwas außerhalb der Stadt.

Heiße Quellen und Soldaten

Mazedonien. Schlagartig ändert sich das Landschaftsbild auf mittleren osteuropäischen Verschmutzungsgrad. Wir fühlen uns gleich wohler. Was die Sauberkeit eines Landes ausmacht merken wir erst jetzt.

Abends sind wir schon in Griechenland und schlafen an einem Fluss mit Lagerfeuerstellen – ein perfekter Ort für uns und alle Wohnmobilisten. Nächsten Tag lernen wir die griechische Gastfreundlichkeit kennen. In einem Imbiss gibt uns der Besitzer einen aus. In einer heißen Quelle in Loutra Eleftheron hoffen wir zu entspannen, doch die Kinder machen uns einen Strich durch die Rechnung. Ihnen ist’s zu heiß. Trotzdem fühlen wir uns wie neugeboren. Wir können sogar unsere Wasserkanister mit frischem Bergquellwasser betanken. Nachts passieren wir die überraschend schwer bewaffnete Grenze zur Türkei und lassen uns bei einem kleinen Fischerhaus in einer geschichtsträchtigen Gegend, der Halbinsel Gallipoli zur Nacht nieder.

Ein Vorgeschmack

Wildes Treiben um uns herum. Viele Autos, Mopeds, Fahrräder, selbstgebaute Fahrräder mit Motoren, skurrile Fahrunterteile fahren an uns vorbei. Es fasziniert. Und es riecht nach Abenteuer. Erstmalig hören wir morgens den Muezzin – exotisch. Niklas saß fast den ganzen Tag am Netz und regelte alle Angelegenheiten für uns. Am Ende sollten wir nicht einmal etwas bezahlen. Danke, Fußball!

Wir fahren Abends weiter nach Tirana. Die Straße weitet sich auf dreispuriges Niveau. Das ist sie aber nicht, denn Fahrbahnmarkierungen gibt es nicht. Wahrscheinlich deshalb, weil davon ausgegangen wird, dass es nun genug Platz auf der Straße gibt, auf dem sich die Autos unfallfrei verteilen dürfen. Etliche Autos ohne Rücklichter fahren an uns vorbei. In unserer Unkenntnis über dieses Land, seiner Menschen und ihrer Mentalität sind wir uns unschlüssig, ob die toten Rücklichter Absicht oder Ignoranz sind. Auf jeden Fall ist es erst einmal erschreckend urplötzlich ein Fahrzeug vor sich zu sehen. Wir werden uns daran gewöhnen, daran, dass die Straßen keine Fahrbahnmarkierungen haben, dass die Scheinwerfer der Entgegenkommer uns direkt ins Gesicht leuchten und Straßenschilder mehr Staffage als ernstzunehmende Hinweise sind und besonders gern Geschwindigkeitsschilder als Zielscheiben für spaßsuchende Jungalbaner dienen. Woran wir uns aber nicht gewöhnen sind die Schlaglöcher. In einem solchen Fall steigt dann der Adrenalinpegel – umsonst, denn durch … – ist durch. Und hoffentlich ist nichts durch. Unsere Mobilie wiegt knappe vier Tonnen. Da bleibt nicht viel Federweg. TÜV gibt es hier eh nicht, und die Polizei verdient sich nicht ihr Taschengeld mit solch unwichtigen kaputten Rücklichtern, sondern mit üppigen Geschwindigkeitskontrollen am liebsten dort, wo eh nicht klar ist wie schnell man fahren darf. Wunderlich ist die Fülle an Tankstellen (alle 2 bis 3 km) mit immer wieder neuen Logos und Firmen. Sie sind neu, palastgroß und blenden. Hat dieses Land keinen Schienenverkehr? Dazwischen: Liegengebliebene LKW, ganze LKW-Friedhöfe direkt an der Straße, Hotels, Schaufensterhäuser (vorzugsweise mit Hochzeitsmode und Einrichtungsgegenständen wie Sofas, Teppichen etc. bestückt) und immer wieder Bauruinen. Uns bleibt das alles unbegreiflich. Wir denken an Mafia. Immerhin, Italien ist gerade mal 72 km quer über die Adria entfernt und die Zahl an Autos mit italienischen Kennzeichen groß.

Als vierköpfige Familie produzieren wir täglich mindestens eine Einkaufstüte Müll, die entsorgt werden will. Nach Mülltonnen müssen wir stets Ausschau halten. Hier ist unsere Suche jedoch vergeblich, dafür (oder deshalb) überall Dreck und Müll auf den Straßen, Flüssen, Feldern, Wiesen. Mittendrin Menschen, die da im Müll wühlen, Kühe, die dort zwischen Müll grasen. Es stinkt. Exkremente und Abwässer werden auf die Straße geleitet. Das alles hat einen Hintergrund: Armut und Bewusstlosigkeit. Ein Gefühl der Unsicherheit beschleicht uns, denn nun sind wir die Reichen, die Besitzenden. Und wer im Vergleich zum Anderen besitzt muss um seinen Besitz fürchten. Der Kontrast zwischen arm und reich ist auffallend. Vielleicht wirkt das so, weil hier Reichtum stark nach außen getragen wird, die Armen wiederum zu arm sind, ihre Armut zu kaschieren. Neu und Alt, Reich und Arm stehen hier Rücken an Rücken und sehen sich doch täglich ins Gesicht. Nachbildungen echter Ritterburgen mit Sicherheitsanlage und Wachpersonal neben abgewrackten Behausungen, die mit auseinandergefalteten Blechkanistern und Folie geflickt sind.

Albanien, das Schmutzland, der Wilde Osten, die Umweltschweine, ein Land im ständigen Auf- und Niedergang, das im Müll erstickt. Wie wunderschön es sein könnte. Albanien scheint der erste Vorgeschmack auf das zu sein, was uns auf unserer Reise noch erwartet.

Auf dem Weg ins Abenteuer

In den nächsten zwei Tagen sehen wir Trogir und Dubrovnik. Wir schlafen direkt über der Stadt am Berghang. Der Blick hinunter übertrifft bisher alles vorher gesehene.

Fazit Kroatien. Schöne Küste, trotz optischer Verschmutzung, an der Küste nervig touristisch ausgebaut, Lebensmittel teuer, viele westliche Geschäfte.

Weiterfahrt durch Montenegro nach Albanien. In Montenegro haben wir zum ersten mal das Gefühl, es wird abenteuerlicher. Das Leben findet hier immer mehr auf der Straße statt. Straßenschilder fehlen teilweise. Hier wird gebauwütet.

Erstmalig bekommen wir Probleme an der Grenze zu Albanien. Sie wollen die notarielle Einverständniserklärung von Elias Vater sehen, dass Elias in das Land einreisen darf, denn Elias trägt den Nachnamen seines Vaters! Damit haben wir nicht gerechnet. (Eventueller Hintergrund: Der Großteil der Bevölkerung sind muslimische Sunniten.) In Deutschland wurde mir erklärt, dass Elias Pass ausreiche, da für seine Beantragung der Vater bereits sein Einverständnis erteilt hat. Vorsorglich haben wir jedoch eine separate Einverständniserklärung vom Vater unterschreiben lassen. Doch an einen Notar haben wir nicht gedacht. Trotz ausführlicher Recherche sind wir auf keinen solchen Hinweis gestoßen. Nach einem freundlichen Gespräch dürfen wir trotzdem passieren, allerdings mit dem Hinweis, dass es an den weiteren Grenzen Schwierigkeiten geben wird. Das nehmen wir zur Kenntnis und fahren weiter. Wir denken, bis in die Türkei werden wir auch so kommen. Der Iran macht uns Sorgen.

Es ist Nacht in Albanien. Wir halten an einem kleinen Internetcafé in der nächstgrößeren Stadt (Shkodër) an und fragen nach Internet per WLAN. Dieses gibt es nicht, doch wir können unseren Laptop per Kabel anschließen. Der junge Besitzer ist zu uns überaus freundlich wie noch nie erfahren auf dieser Reise. Das rührt daher, weil wir aus dem Land, wo der Fußball und FC Bayern München zu Hause sind, kommen. Dass wir absolute Fußballnieten sind, interessiert ihn nicht. Wir verabreden uns für den nächsten Tag, schlafen neben einer Moschee.

Bei Gloria

Mittags erreichen wir Zadar und schauen uns die Altstadt an. Am Abend sind wir in Vodice und dürfen den Luxus eines kleinen Häuschens mit Dusche, Badewanne, Küche und Waschmaschine genießen. Hab vielen Dank Gloria!

Highlight des nächsten Tages sind drei kleine Schildkröten, die Elias im Garten gefunden hat. Die kleinste muss er natürlich (vorübergehend ;-)) für immer behalten. Und ein tolles Insekt, die „Tausendfüßlerspinne“.

An den Krka-Wasserfällen lässt Elias mit einer dicken Träne seine Schildi, wie er sie getauft hat, wieder frei. Nach einem kleinen Spaziergang durch die wundervolle Natur müssen wir auf Druck Elias nun endlich dort hinfahren, wo wir ein Feuer machen können. Unser erstes Feuer und es sollen noch viele weitere folgen…

Hallo, Kroatien!

Heute um 8 Uhr kamen wir an die Grenze zu Kroatien. Erstmals werden unsere Pässe kontrolliert. Elias ist schon total aufgeregt. Er möchte nun endlich an das so lang versprochene Meer. Wir nächtigen in einer kleinen Fischersiedlung mit vielleicht 8 Häusern.

In Slowenien

Nachmittags passieren wir die Grenze zu Slowenien. Wir spüren, je mehr Grenzen wir passieren, desto intensiver stellt sich das Gefühl der Fremde ein. Die Straßen werden schlechter, im Rundfunk ist eine neue Sprache zu hören. Es schneit! Uns begegnen satte, junge mit Schnee bedeckte Blätter. Trotzdem taut es und der Schnee fällt in fetten Fladen auf unsere Frontscheibe. Die Wolken hängen in den Bäumen. Wir befinden uns auf 1200m Höhe.

Deutschland, Good bye!

Auf durch Österreich! Aber jede Autobahn vermeiden – unser Navi (Garmin nüvi 3970) macht’s möglich.