Russland grüßt (Georgien und Armenien)

Nicht nur ein religiöser Übergang erwartet uns an der Grenze, sondern auch gleich ein (ehemals) ideologischer und wirtschaftlicher. Wir sind im Land der Ladas, Wolgas und schweren, dreckigen und im Verbrauch maßlosen Russen-LKWs. Wir sind auch im Land unserer Kindheit. Vertrautes (z. B. die kyrillische Schrift) gesellt sich zu Unbekanntem (z. B. die georgische Schrift). Ein überaus faszinierender Mix. Das sowjetische Erbe vergeht hier nur langsam, während das neue Russland seine alten Verbindungen nutzt, um nun nach kapitalistischem Muster seine Waren abzusetzen.

Jetzt in Georgien stellen wir fest, dass wir von der Türkei gesättigt sind. Hier sehen wir allerorts eindrucksvolle Bauwerke, kunstvolle Verzierungen, alte Burgen. Davon gab es nicht viele in der Türkei. Wir streifen eigentlich nur Georgien (siehe Route) und doch erlauben wir uns eine bedingungslose Reiseempfehlung auszusprechen. Für wie wir Reisende sprechen geringe Sprit- und Lebensmittelpreise, spektakuläre Berge (der Kaukasus ist schließlich auch noch da), und es ist über das Schwarze Meer schnell erreichbar. Uns gefällt es so gut hier, dass wir erwägen den Rückweg von Poti, Georgien nach Varna, Bulgarien übers Meer zu nehmen. Das spart viel Zeit, von der wir nicht mehr so viel haben.

Noch am Abend kommen wir an der armenischen Grenze an. Es folgt ein rekordverdächtiger Grenzaufenthalt von circa 4,5 Stunden. Noch nie haben wir so viel unterschreiben müssen (circa 20 Unterschriften). Die mühseligen bürokratischen Strukturen von einst sind nicht überwunden, beschweren sich die Armenier selbst. Dabei kostete das Visum für einen Erwachsenen 3000 AMD (sprich: Dram) = 5,50 EUR; Kinder kostenlos. Die Autoversicherung ist der langwierigste Teil. Wir haben das Glück einen seit 1983 in Schwerin lebenden Armenier kennenzulernen. Durch ihn zahlen wir die Versicherungssumme eines PKWs (das ist nicht ungewöhnlich), mit allem Drum und Dran circa 24000 AMD = 44 EUR. Insgesamt ließen wir an der Grenze also 55 EUR. Wir wissen nun auch: Ohne zu drängeln und zu nerven geht’s nicht weiter.

Die erste Bekanntschaft mit Armenien machen wir also in der Nacht. Wie schon in Georgien sind die Straßen teilweise so schlecht, dass wir den Schlaglöchern nicht mehr ausweichen können und sie langsam durchfahren müssen. Das erzeugt ein durchschnittliches Tempo von vielleicht 50 km/h. Doch nach Jerewan ist es nicht mehr weit. Als wir ankommen sind wir abermals fasziniert von dieser Anderthalb-Millionen-Stadt. Das Sprachen- und Schriftenwirrwarr reicht von Armenisch über Russisch (Kyrillisch) nach Englisch (Lateinisch). Empfanden wir auf unserem Weg durch die Türkei viele große Städte (Istanbul ausgenommen) als Verdichtung dörflicher Strukturen und Lebensweisen, hebt sich Jerewan durch eine U-Bahn, ein Oberleitungsbussystem, einen geordneteren Straßenverkehr, viele Wohnhausblöcke und dafür nur wenige Wohnhütten, monumentale Architektur und viel Angeberei (Männer: Auto; Frauen: Brüste) in den Rang einer westlichen aber exotischen Großstadt. Vielleicht ist diese Einschätzung unserer Unwissenheit hinsichtlich der Gesellschaftsstrukturen in der Türkei geschuldet. – Wie werden wir den Iran begreifen? – Und insgesamt sind die Georgier und Armenier uns gegenüber etwas zurückhaltender als die Türken.

In Jerewan steuern wir Mercedes-Benz an um die linke Fixierung des Stabilisators zu reparieren. Die Gummimuffe war vorrätig, nicht jedoch der Stahlbügel. Er wurde kurzerhand vom Chef persönlich zurechtgeflext und -gebogen. Auf dem dahinter liegenden Markt sind unsere Kinder wieder Stars. Elias bekommt zwei lebendige Krebse, die er später aussetzen will, jedoch ewig herumschleppen wird, dass sie dann doch verrecken. Die Kinder bekommen noch viel mehr, wir sogar Wein ausgeschenkt. Und endlich eine gute Salami aus Schweinefleisch!

Außerdem besorgen wir uns wieder mobiles Internet von VIVAcell. Der für Touristen unkomplizierte Tarif „MTS Connect Classic Prepaid“ kostet 5000 AMD, 9 €, gilt 180 Tage lang und hat eine MB-basierte Abrechnung (pro 1 MB 11 AMD, 0,02 EUR bzw. 5 AMD, 0,01 EUR [tageszeitabhängig]). Einen speziellen UMTS/HSPA-USB-Stick braucht man nicht, sofern man in der Software seines eigenen Sticks die Zugangsdaten von VIVAcell eintragen kann.

Der Weg südlich zur iranischen Grenze ist spektakulär. Wir fahren die bisher längsten Serpentinen. Die Täler reichen bis auf 550 Meter runter, die Pässe bis auf 2550 Meter, die Berge natürlich noch viel höher. Der Weg führt entlang des umkämpften Gebiets Bergkarabach. Etwas widersprüchlich ist unsere Vorstellung von der Sicherheit dieses Gebiets. Einerseits soll es, laut Auswärtigem Amts, an der Grenze gelegentlich zu Schusswechseln kommen, andererseits werden wir wegen seiner Schönheit von den Einheimischen immer wieder beschworen, dort hineinzufahren.

Doch morgen früh versuchen wir erst einmal den Grenzübertritt in den Iran. Wir sind mächtig aufgeregt, nicht allein wegen des fehlenden Carnets, sondern auch weil uns noch ein langes untailiertes Gewand für Nikita fehlt.