Ein Vorgeschmack

Wildes Treiben um uns herum. Viele Autos, Mopeds, Fahrräder, selbstgebaute Fahrräder mit Motoren, skurrile Fahrunterteile fahren an uns vorbei. Es fasziniert. Und es riecht nach Abenteuer. Erstmalig hören wir morgens den Muezzin – exotisch. Niklas saß fast den ganzen Tag am Netz und regelte alle Angelegenheiten für uns. Am Ende sollten wir nicht einmal etwas bezahlen. Danke, Fußball!

Wir fahren Abends weiter nach Tirana. Die Straße weitet sich auf dreispuriges Niveau. Das ist sie aber nicht, denn Fahrbahnmarkierungen gibt es nicht. Wahrscheinlich deshalb, weil davon ausgegangen wird, dass es nun genug Platz auf der Straße gibt, auf dem sich die Autos unfallfrei verteilen dürfen. Etliche Autos ohne Rücklichter fahren an uns vorbei. In unserer Unkenntnis über dieses Land, seiner Menschen und ihrer Mentalität sind wir uns unschlüssig, ob die toten Rücklichter Absicht oder Ignoranz sind. Auf jeden Fall ist es erst einmal erschreckend urplötzlich ein Fahrzeug vor sich zu sehen. Wir werden uns daran gewöhnen, daran, dass die Straßen keine Fahrbahnmarkierungen haben, dass die Scheinwerfer der Entgegenkommer uns direkt ins Gesicht leuchten und Straßenschilder mehr Staffage als ernstzunehmende Hinweise sind und besonders gern Geschwindigkeitsschilder als Zielscheiben für spaßsuchende Jungalbaner dienen. Woran wir uns aber nicht gewöhnen sind die Schlaglöcher. In einem solchen Fall steigt dann der Adrenalinpegel – umsonst, denn durch … – ist durch. Und hoffentlich ist nichts durch. Unsere Mobilie wiegt knappe vier Tonnen. Da bleibt nicht viel Federweg. TÜV gibt es hier eh nicht, und die Polizei verdient sich nicht ihr Taschengeld mit solch unwichtigen kaputten Rücklichtern, sondern mit üppigen Geschwindigkeitskontrollen am liebsten dort, wo eh nicht klar ist wie schnell man fahren darf. Wunderlich ist die Fülle an Tankstellen (alle 2 bis 3 km) mit immer wieder neuen Logos und Firmen. Sie sind neu, palastgroß und blenden. Hat dieses Land keinen Schienenverkehr? Dazwischen: Liegengebliebene LKW, ganze LKW-Friedhöfe direkt an der Straße, Hotels, Schaufensterhäuser (vorzugsweise mit Hochzeitsmode und Einrichtungsgegenständen wie Sofas, Teppichen etc. bestückt) und immer wieder Bauruinen. Uns bleibt das alles unbegreiflich. Wir denken an Mafia. Immerhin, Italien ist gerade mal 72 km quer über die Adria entfernt und die Zahl an Autos mit italienischen Kennzeichen groß.

Als vierköpfige Familie produzieren wir täglich mindestens eine Einkaufstüte Müll, die entsorgt werden will. Nach Mülltonnen müssen wir stets Ausschau halten. Hier ist unsere Suche jedoch vergeblich, dafür (oder deshalb) überall Dreck und Müll auf den Straßen, Flüssen, Feldern, Wiesen. Mittendrin Menschen, die da im Müll wühlen, Kühe, die dort zwischen Müll grasen. Es stinkt. Exkremente und Abwässer werden auf die Straße geleitet. Das alles hat einen Hintergrund: Armut und Bewusstlosigkeit. Ein Gefühl der Unsicherheit beschleicht uns, denn nun sind wir die Reichen, die Besitzenden. Und wer im Vergleich zum Anderen besitzt muss um seinen Besitz fürchten. Der Kontrast zwischen arm und reich ist auffallend. Vielleicht wirkt das so, weil hier Reichtum stark nach außen getragen wird, die Armen wiederum zu arm sind, ihre Armut zu kaschieren. Neu und Alt, Reich und Arm stehen hier Rücken an Rücken und sehen sich doch täglich ins Gesicht. Nachbildungen echter Ritterburgen mit Sicherheitsanlage und Wachpersonal neben abgewrackten Behausungen, die mit auseinandergefalteten Blechkanistern und Folie geflickt sind.

Albanien, das Schmutzland, der Wilde Osten, die Umweltschweine, ein Land im ständigen Auf- und Niedergang, das im Müll erstickt. Wie wunderschön es sein könnte. Albanien scheint der erste Vorgeschmack auf das zu sein, was uns auf unserer Reise noch erwartet.

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