Schon in Georgien überschritten wir nicht nur eine religiöse, eine sprachliche und eine kulturelle Grenze, sondern auch eine klimatisch-vegetative. Und wieder stürzen wir mit dem Grenzwechsel von über 2500 auf gerade einmal 550 Meter über dem Meeresspiegel. Unerbittlich heiß, staubig und trocken ist es nun und in Kombination mit den langen Sachen und dem Kopftuch für Nikita unerträglich. Sie flucht. Doch nun endlich, am Samstag Vormittag nach vielen Unterschriften, Fingerabdrücken, 220 US$, 4 Stunden Wartezeit und die Zulassungsbescheinigung Teil II im Gewahrsam des Versicherers erhalten wir die nötigen Papiere, um in den Iran einzureisen. Wegen der an der Grenze verbleibenden Zulassungsbescheinigung Teil II können wir jedoch in kein weiteres Land fahren, sondern müssen über diesen Grenzübergang auch wieder den Iran verlassen!
Wir sind mächtig unsicher inwieweit wir unser Verhalten dieser Kultur anpassen sollten.
Unser erster Anlaufpunkt im Iran ist der Daryacheh-ye Orumiyeh, ein Salzsee. Laut Reiseführer (Reise Know How) sollen es hier Heilbäder und eine Badestelle geben. Auf dem Weg dahin machen wir unsere erste Tankerfahrung. Der Tankwart kommt uns der Lösung unseres Problems, der fehlenden Tankkarte, zuvor. Er stellt ganz selbstverständlich eine zur Verfügung. Wir tanken Diesel für 0,178 EUR pro Liter! Ein voller Tank (70 Liter) für 12,50 EUR. Die Freude ist groß. Ein paar Kilometer weiter (in der Türkei) zahlten wir knapp das Zehnfache! Angesichts der guten Straßenqualität kein Grund mehr langsam zu fahren. Doch Vorsicht! Nicht übertreiben. Denn so todesmutig und schmalsichtig wie die Iraner haben wir noch keine Nation hinterm Steuer sitzen sehen.
Wir haben eine Ahnung, dass wir überrascht sein werden, wissen aber noch nicht wie.
Der Salzsee zeigt sich uns in einer geisterhaft-menschenleeren Tourismuskulisse. Vor 5 bis 6 Jahren sank der Wasserstand des Sees, das Wasser zog sich um hunderte Meter weit zurück und hinterließ die Einrichtungen der einheimischen Tourismusindustrie. Enttäuscht suchen wir den Weg zurück ins nahegelegene Sharafkhaneh. Ein Dorf, wo wir die vielleicht beste Bekanntschaft auf unserer Reise machen. Auf der Straße hält ein weißer PKW, aus dem ein freundlicher Mann aussteigt, den alle als ihren „Bruder“ (Er ist der Bürgermeister.) bezeichnen, und erkundigt sich, ob er uns helfen kann. Wir erklären, dass wir eine Einkaufsmöglichkeit suchen. Kurz darauf hält ein weiterer Wagen, vollbesetzt mit Frauen (mit Kopftuch und Tschador): Mutter, Tochter, Tante, Cousine. Es wird hektisch. Alle wollen uns gleichzeitig helfen. Und dann können wir uns der Freundlichkeit der englischsprechenden Ghazaaleh und ihrer Familie nicht erwehren und fahren zum Laden des Vaters, denken einzukaufen, doch werden stattdessen beschenkt. Wir werden zum Essen eingeladen, zum Übernachten, der in Deutschland lebende Bruder wird angerufen, er soll vermitteln wie sie uns helfen können, wir tauschen Adressen, machen Fotos und erinnern uns, dass wir ursprünglich zu diesem Salzsee baden fahren wollten. Also werden wir dahin eskortiert. Man nimmt sich (wie selbstverständlich) Zeit für uns. Für uns als Westeuropäer ist es unbegreiflich. Wir sind beschämt. Würden wir einen Fremden bei uns doch niemals so fürstlich empfangen. Die Nacht verbringen wir allein auf einem Grundstück der Tante, direkt am trockenen Ufer des Daryacheh-ye Orumiyeh. Das Baden ist wieder einmal vergessen. Es ist zu aufregend für uns alle. Tag eins im Iran – wow.
Tag zwei. Man stelle sich am Rande eines Salzsees ein von circa 2 Meter hohen rohen Betonsteinmauern (wie so vieles hier) umschlossenes Refugium vor, in dessen einem Teil eine orangefarbene Blechbox auf steinigen und mit vertrocknetem Gras durchsetzten Boden steht, in dessen anderen Teil kleinblättrige Obstbäume nach Wasser dursten. Diesen Tag verbringen wir mit Freunden – mit Ghazaaleh und Ihrer Familie. Wir sind aufeinander so neugierig, dass wir tiefe Einblicke in die Familie und die Lebenskultur dieser Menschen erhalten. Wir wissen nun, das Kopftuch oder sagen wir besser der Kopftuchzwang ist verhasst. Und doch ist das Kopftuch nicht wegzudenken. Auf dem Land oder in strengen islamischen Familien trägt die Einheimische besser einen Tschador (auch über dem Kopftuch). Lebt sie in der Stadt oder weniger streng islamisch, gar westlich orientierten Familien, genügt das Kopftuch. Sie trägt es außerhalb ihres Hauses immer. Tut sie es nicht, muss sie um üble Nachrede bis hin zu einer Inhaftierung fürchten. Ist die iranische Frau bei Freunden zu Besuch kann sie ihre Kopfbedeckung absetzen. Ist ein außerhalb der Familie stehender Mann dabei, sollte sie sie besser auflassen. Das Kopftuch schützt vor Blicken der Männer, im Winter vor Kälte. Es quält im Sommer, nervt bei Wind und bei vielen Aktivitäten. Es zwingt die Frau zur Passivität. Der Tschador wurde 1936 unter Reza Schah Pahlavi verboten. Das Verbot wurde 1942 von seinem Sohn Mohammad Reza Pahlavi unter Druck von Ayatollah Gomi wieder aufgehoben. Seit 1979 ist der Tschador das Symbol der Islamischen Revolution.
Wir sind dankbar für ihr Vertrauen. Das ist nicht selbstverständlich, denn in diesem Land ist Vorsicht ein hohes Gebot. Untereinander sind die Menschen politisch längst nicht so offen wie zu uns Ausländern. Später dazu mehr.
Es ist schon spät. Als unsere Kinder auch noch auf dem Boden einschlafen, ist klar, dass wir nun auch hier eine Nacht verbringen. Geschlafen und gegessen wird im Iran traditionell auf dem Boden. Am nächsten Morgen, dem dritten Tag, entschließt sich Ghazaaleh mit uns nach Täbris zu ihrer Tante und ihre Cousine, Shahnaaz zu fahren, die uns ja bereits am ersten Abend eingeladen hatten. Unterwegs treffen wir aber noch Ghazaalehs Bruder mit seiner Familie, die uns nach Täbris begleiten und dort ins aserbaidschanische Museum einladen. Der Großteil der hier lebenden Iraner begreifen sich als Aserbaidschaner. Die Sprache der Aserbaidschaner ist dem Türkischem sehr nahe. Sie sprechen Türkisch als Muttersprache und Persisch als Zweitsprache.
Von Shahnaaz und ihrer Mutter werden wir fürstlich empfangen. Wir residieren – regelrecht – bei aufgeklärten Bürgern der Mittelschicht, die einen gewissen weltlichen Abstand zur ihrer Religion haben und sich kritisch mit politischen Ereignissen im eigenen Land und dem Ausland auseinandersetzen. Die zwei Nächte, die wir hier bleiben, werden lang. Wir schließen Fenster, reden mit gedämpfter Stimme und bekommen immer wieder Gänsehaut. Wir erfahren von der Sepah, der Iranischen Revolutionsgarde. Eine Militärische Organisation, die dem Schutz des Regimes dient, in dem es fast alle Bereiche der Politik und der Wirtschaft unterwandert hat. (Die Links im Text dürfen angeklickt werden!) Wenn eine solche Organisation so komplex wirkt, wird klar, warum ein Teil der Iraner an Paranoia krankt. Wie wichtig sie aber für alle Andersdenkende ist, wird deutlich, als selbst bei einer Trauerfeier um einen ermordeten Dissidenten alle Anwesenden kaltblütig ermordet wurden. Als wir von dem Buch „Iran ist anders“ erzählen, das uns in Deutschland auf den Iran vorbereitet hat, ist die Neugier und später die Angst groß. Denn als unsere Gastgeber darin ein Gedicht über Neda Agha-Soltan sehen, begreifen sie die Brisanz dieses Buches. Man empfiehlt uns spontan, das Buch zu verbrennen. Nach einiger gemeinsamer Überlegung entschließen wir uns, es doch zu behalten. Das Mädchen Neda wurde bei den Aufständen 2009 von einem Scharfschützen, vermutlich einem der Basidsch, tödlich getroffen. Ihr Sterben wird mit einem Handy aufgezeichnet und im Internet veröffentlicht, darin ihr Vater und die Menschen um sie herum sie zum Bleiben anflehen. Das folgende traurige Gedicht ist nicht allein ein Requiem auf Neda, die Märtyrerin. Es ist auch der verzweifelte Anruf an die Stimme des iranischen Volkes, denn Neda heißt auch „die Stimme“. Lest:
Neda, bleib
Das Zwitschern der Vögel in den Gassen
Das grüne Kleid der Wälder und der Duft der Blüten
Sagen: der Frühling ist da
Geh nicht, Neda
Neda, bleib
Sing mit deinen Leuten in der Gasse
Sag: es lebe das Leben und es sterbe der Tod
Sag: die Sonne soll scheinen, der Hagel aufhören
Neda, bleib
Neda, schau dir die Stadt an
Die Fundamente der Paläste wanken
Höher als je streben die Platanen der Vali Asr
Die Straßen sind voller Abschaum
Für einige wird die Luft dünn
Neda, hab keine Angst
Was du hörst sind nicht Schüsse, es sind Knallfrösche
Funken, die uns in Brand setzen
Wir brennen
Schlagstock und Gewehr
Entflammen uns noch mehr
Neda, bleib
Vom Horizont kommt die Nachricht
Die Morgenröte sei angebrochen
Der Morgen kommt
Neda! Neda!
Atme tief ein
Steh auf
Brich den Käfig auf
Geh nicht, Neda
Warte
Schau hinter die Wolken
Ein Guckloch
Die Sonne will kommen
Wie Du „nur“ eine Frau
Neda, geh nicht
Neda, bei Gott, geh nicht…
Zugegeben, das ist nicht gerade leichte Kost, und die letzten Absätze klingen wie aus einem politischen Roman. Doch der Iran ist für uns natürlich mehr als das. Er ist auch UNESCO Welterbe. Er ist: Basar von Täbris! Ein 7 km² großer Organismus. Im Quadrat wären das 2,64 mal 2,64 Kilometer! Wo fängt er an, wo hört er auf? Für einen Westeuropäer vollkommen unübersichtlich, aber dank Shahnaaz und Ghazaaleh nicht unüberwindlich und vielleicht auch wie aus Tausendundeiner Nacht, wären da nicht die dominierenden chinesischen Plastikimporte. Trotzdem haben hier Handwerk und Tradition noch Wert.
Was uns immer ein Rätsel bleiben wird ist die Faszination der Iraner für den El-Goli Park in Täbris. Vielleicht ist da ja noch mehr als dieser quadratische See, in dessen Mitte sich die zum Restaurant umfunktionierte einstmalige Sommerresidenz der Dynastie der Qadjars befindet? Der Jahrmarkt etwa? Die persische Kitschkutsche? Für Elias und mich, Niklas ist es dann doch das Schnellboot, was auf dem im Vergleich zur Geschwindigkeit winzigen See wahrhaft Schmetterlinge in unsere Bäuche zaubert. – Extrafahrt, dank neuem Vitamin B. Danke!
Unsere Gastgeber schaffen es, dass wir uns pudelwohl fühlen. Wir müssen uns einfach um fast nichts kümmern. Und selbst die Kinder werden uns abgenommen – längerfristig. Also nicht, um sie mal kurz zu drücken, nein, um uns zu entlasten! Wir sind Ghazaaleh, Shahnaaz, Ihren Müttern, die uns außerordentlich bewirtet haben, und Vätern sehr dankbar. Ihr habt uns einen ganz besonderen Einstieg in dieses Land gegeben.
- Tschüss, Armenien!
- Unser erster Tag im Iran.
- Unsere Eintrittskarte
- Erst jetzt darauf gekommen: Spülbecken = Planschbecken
- Taile darf gezeigt werden.
- Wir sind eingeladen und verzückt.
- Verhasst und trotzdem nicht wegdenkbar.
- Täbris
- Keine Minderwertigkeitskomplexe
- China halb so weit
- Im aserbaidschanischen Museum
- Kidnapping auf Iranisch
- UNESCO Weltkulturerbe: Basar von Täbris
- Basar Täbris
- Über 7 km² groß: Basar Täbris
- Guillotiniert
- Teppichbasar Täbris
- Teppichkraulen im Basar Täbris
- Ein Teppich
- Beliebt sind waldreiche, romantische Motive.
- Unser Superstar – auch ihr Superstar. Wer hätt’s gedacht?
- So schön kann Salz sein.
- El Goli Park
- El Goli Park
Um nicht die Uebersicht zu verlieren habe ich vor kurzem mal eine Feed Verwaltung runtergeladen. Wo finde ich hier den die Feed URL ?
hi dear deniz & martin
Im fahimeh from north of iran
Ur pic is perfect
We r wait for ur new upload
Kiss kiss
Das sieht ja alles einfach nur toll aus! Übrigens – bei uns auch alles super! Die Adoption ist durch…
alles liebe j.