Im wilden Osten

Wir machen, anders als in Europa, ständig neue flüchtige Bekanntschaften. Danach ist es für mich immer wieder ein kindlich-aufregendes Gefühl in die Gestalt eines zuvor so fremd und weit entfernten Menschen zu schlüpfen. Wie erleben sie diese entlegenen Orte als Zentrum der Welt? Welche Vorstellungen haben sie von der unsrigen? Was sind ihre Werte? Welchen Eindruck machen wir auf diese Menschen? Wie sieht ihr Alltag aus? Wir wissen ja nicht viel, aber eines: Alles ist ganz anders.

Auf dem Weg weiter in Richtung armenische Grenze schrecken wir auf als bewaffnete Gendarmen am Straßenrand vielleicht 20 mit den Händen hinterm Kopf kniende Männer bewachen. Eine Szenerie, die Angst macht. Hinter der Kurve sehen wir dann einen verunglückten Lastwagen. Wir atmen auf. Ich frage plump nach was hier los sei und man erklärt mir, dass es sich um einen illegalen Flüchtlingstransport aus Myanmar handelt. Das alles vor dem Hintergrund, dass wir in der Nacht zuvor, kurz nach Ankunft an unserem Übernachtungsort, eines verwaisten Teils des alten Hauptstraßenverlaufs im Flusstal, einen Schuss hörten. Wähnten wir uns doch in vollkommener Einsamkeit. Auch vor dem Hintergrund, dass dann am nächsten Morgen ein ungewöhnlich großgewachsener Hirte mit sehr ernstem Gesicht und Hirtenstab zu uns kam und sich als Soldat ausgab, dabei die Worte PKK und Militär in den Mund nahm und sich dann Zettel und Stift von uns geben ließ, um sich unser Kennzeichen zu notieren. Und beide Orte, Übernachtungsplatz und Unfall, sind gerade mal 2 Kilometer voneinander in diesem menschenleeren Landesteil entfernt. Ich mache also Fotos von der Szenerie, und es dauert nicht lange bis sie es bemerken und auf uns schnell zuschreiten. Mit dem Versprechen die Bilder zu löschen dürfen wir weiter fahren.

Der Ort Kars ist fürchterlich und für uns auch nur deshalb interessant, weil hier die Sackgasse von und nach Ani entlangführt. Das Fahren über 30 km/h ist nur selten möglich, weil die gesamte Stadt zwar gepflastert, aber unvorstellbar zerlöchert und zerfurcht ist. Die Winter müssen erbarmungslos sein. Leicht vorstellbar wie hier Tausende Armenier allein bei Flucht und Deportation erfroren sein müssen. Der Völkermord an den Armeniern wird bis heute von der türkischen Regierung geleugnet.

Seit längerem befinden wir uns auf ehemalig armenischen Territorium. Die Ruinen der einstigen armenischen Hauptstadt Ani befinden sich direkt an der Grenze zum heutigen Armenien. Die Region Kars besteht aus einem recht langweiligen Hochplateau zwischen 1500 und 2100 Metern Höhe ohne Bäume, kaum Sträuchern aber rundgelutschten grünen Hügeln, vielen Kühen und Hirten. Von den gewaltigen Mauern Anis sind wir beeindruckt, am nächsten Tag auch noch von seinen gewaltigen Ausmaßen. Wie schnell Erdbeben, Sonne, Regen und Schnee eine Stadt dieser Dimension zerstören können, erfahren wir jetzt – noch vor 700 Jahren eine völlig intakte Stadt. Das Ani vorgelagerte, armselige Dorf Ocakli steht im krassen Gegensatz dazu. Am Abend unserer Ankunft lernen wir Yunus Görunmez, Hirte, Bauer und Besitzer eines kleinen Einkaufladens kennen, der uns selbstgemachtes Fladenbrot, Käse und Butter spendiert. Mit Händen, Füßen und Wörterbuch verständigen wir uns. Er macht Butter, Käse, Brot selbst mit der Hand! Am nächsten Morgen führt uns Yunus persönlich durch die Ruinen. Wir bedanken uns mit ein paar selbst ausgedruckten Fotos von ihm, von uns und seiner Kuhherde. Das bekommt ein anderer Dorfbewohner mit und drängt uns, höflich aber hartnäckig, auch von ihm und seinen Kindern Fotos zu machen. Spätestens jetzt wird noch einmal deutlich, selbst wenn wir hier fast alle dem westlichen Standard entsprechenden Lebensmittel kaufen können, sind sie nur von einem Teil der hauptsächlich in den Städten Wohnenden bezahlbar.

Unser Ziel, der Scheitelpunkt unserer Reise, ist nach wie vor der Iran. Hierfür benötigen wir offiziell ein Zollpapier für unser Auto, ein Carnet de Passages. Da dies nur mit dem Hinterlegen eines extrem hohen Geldbetrages (wir schätzen zwischen 5000 und 10000 €) erhältlich ist und wir nicht nur im Falle des Falles unser Auto verlieren (Diebstahl, schwerer Unfall, schwere Panne), sondern auch noch dieses Geld, entscheiden wir uns dafür einem Tipp zu folgen und unser Glück an der Grenze zwischen Armenien und Iran herauszufordern und ohne das Carnet einzureisen. Mittlerweile hören wir auch von allen Seiten über Schwierigkeiten und Abzocken am türkisch-iranischen Grenzübergang bei Doğubeyazıt (Türkei – Iran).

Daher fahren wir weiter in Richtung Norden zu einem georgischen Grenzübergang, denn die Grenze zwischen Armenien und der Türkei ist dicht. Das Hochplateau lassen wir nun hinter uns, fahren den höchsten Pass (2565 Meter) unserer Reise bis dato, und unsere Stimmung hebt sich schlagartig, denn nun sehen wir das was wir lange nicht sahen: Wälder in den Bergen und tiefgrüne Wälder in den Tälern! Zu den hohen Bergen gesellen sich nun auch tiefe Täler (unter 1000 Meter) in denen es endlich warm ist. Georgien ruft!

Wir verbringen zwei Nächte in wunderschöner Landschaft noch auf türkischer Seite unweit einer Quelle. Doch bevor wir hinüber fahren, sehen wir, dass die rechte Fixierung (eine Schelle mit Gummimuffe) unseres Stabilisators an der Vorderachse weggebrochen und verloren ist.

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