Wo findet man hier nun im Sommer einen natürlichen Schutz vor Sonnenstrahlung und Hitze?
Unterwasser ist gut, aber das meinen wir nicht. In unserem Wohnmobil bestimmt auch nicht, da wir zu unserem endlosen Bedauern keine Klimaanlage haben.
Die Antwort steckt hier drinnen.
Und es ist nicht irgendeine. Es ist die Tropfsteinhöhle Ali Sadr. In der größten Höhle des Iran (11 Kilometer lang) werden wir an ein Tretboot angekettet über 1 Stunde lang durch ein Labyrinth aus engen Gassen und riesigen Kathedralen geführt. Die Faszination dieses Ortes lässt sich nicht fotografieren und nur schwer beschreiben. Daher kürzen wir ab: Ein Muss für jeden Iranreisenden!
Noch am selben Tag erreichen wir Hamadan, Wohn- und Begräbnisort des Avicenna, der bei uns besonders für sein Werk „Kanon der Medizin“ bekannt ist. Der Weg zu unserem Schlafplatz an einem Wasserfall unweit der Berge führt an einem surrealen Ort vorbei. Eine nagelneue, menschenleere Betonlandschaft gespickt mit überbordender Symbolik und militärischen Allegorien erinnert an die Orte, wo sich das Dritte Reich selbst feierte.
Es ist bereits dunkel als wir eine Horde Jugendlicher aus einem Auto steigen sehen, die sogleich bei halblauter Musik auf der Straße anfangen zu tanzen. Im Iran ist Tanzverbot. Und so dauert es keine 10 Sekunden, da es Rufe der Anwohner gibt und die Jugendlichen so schnell wie gekommen wieder verschwunden sind.
Unsere nächsten Kidnapper warten schon weiter südlich in Borujerd. Zunächst bieten Sie uns ihre Hilfe an, die wir eigentlich auch gebrauchen können, denn es sind die uns heiligen Babybrei-Gläschen ausgegangen, die uns am frühen Morgen qualvolles Zu-früh-Aufstehen ersparten. Esthas Energiespeicher sind noch zu klein um eine komplette Nacht zu überstehen. Da ist der Griff nach dem Gläschen ein Segen. Die gemeinsame Suche mit ihrem Auto in dieser Stadt bleibt erfolglos, dafür sind wir uns nun ein wenig näher gekommen. Sie laden uns auf ein Eis ein, das wir aber nicht an der Eisdiele um die Ecke essen, die wir im Iran äußerst selten gesehen haben, sondern bei Ihnen gegenüber auf der anderen Straßenseite zu Hause. Das vierstöckige Wohnhaus mit Fahrstuhl und Fahrstuhlmusik gehört der Familie selbst. Die Wohnung ist mit allem Komfort und Technik ausgestattet, von dem schätzungsweise 95 Prozent der Iraner träumen dürften. Mit Stolz präsentiert uns das pensionierte Familienoberhaupt ein Gewehr der Wehrmacht. Ein großer Esstisch mit Stühlen, das nur das hintere Haar verdeckende Kopftuch bei den Frauen, die 7 Satellitenschüsseln und 1500 Fernsehsender (Ist das wahr?) zeigen uns, dass diese Familie ausgesprochen westlich orientiert lebt. Das Eis noch essend werden wir zum Abendbrot eingeladen. In Windeseile wird Kebab vom Vater selbst zubereitet. Auf dem Dach wird routiniert die Grillkohle mit einem Ventilator durchgeheizt, Kebab- und Tomatenspieße darauf. Fertig! Dann runter an den Tisch bei Reis, Salat, Brot, Cola und Dugh, ähnlich dem uns in Deutschland bekannten türkischen Ayran. Da sie zuvor auch englischsprechende Verwandte eingeladen haben, fällt auch die Konversation leichter. Wir stehen gegenseitig Rede und Antwort. Wie sehr die Perser die Araber verachten wird uns hier noch einmal sehr deutlich gemacht. Erschöpft und dankbar nehmen wir ihr Angebot, falsch, ihr Wunsch bei ihnen zu übernachten an. Wir bekommen ein eigenes Zimmer und ein Bad mit Dusche. Haare schneiden und mal richtig duschen sind schon lange überfällig.
Wir verabschieden uns nächsten Mittag – reorganisiert, frisch und gut gelaunt. Das muss der Grund sein, weshalb wir erst in Chadegan halten, um uns – ganz banal – eine Melone und ein Paar Kleinigkeiten für eine Pause zu besorgen. Doch uns zieht es an den nahegelegenen Stausee, der das Wasser für Irans populärste Stadt zurückhält, Isfahan. Intuitiv suchen wir die nächste Möglichkeit von der Hauptstraße rechts abzubiegen. Es scheint pures Glück, als sich ausgerechnet dort eine grüne Freizeitoase auf einem großen Plakat ankündigt. Nie zuvor haben wir in dieser Ödnis so etwas gesehen! Eine lange künstlich bewässerte Allee führt an eine Schranke. Wir fahren rechts neben der Straße auf einen Parkplatz, der sich hinter der Schranke und einem kleinen Verwaltungsgebäude wieder der Straße öffnet. Etwas ungläubig fahren wir darauf zu, als ein Wachmann in Militäruniform uns hektisch zu verstehen gibt, dass wir uns in dem Verwaltungsgebäude melden sollen. Dort sticht Niklas der Slogan „Down with Israel!“ ins Auge. Ein freundlicher Iraner hilft Niklas bei der Beantragung unseres Aufenthalts. Zunächst wird aber Rücksprache mit einem im Hintergrund sitzenden hageren Mann mit 3-Wochen-Bart und schütterem Haar gehalten, der uns den Aufenthalt genehmigt, nicht aber ohne Niklas Ausweis einzubehalten und einen für iranische Verhältnisse stattlichen Betrag zu kassieren. – Wollten wir nicht eigentlich nur Rast am Wasser machen? – Nun dürfen wir das Areal befahren. Ein künstliches Paradies aus Ferienhäusern, Villen, Vorgärten und Rasenlandschaften kommt zum Vorschein. Unser erster Gedanke ist: Hier hat sich die politische Elite einen Ort der Zuflucht geschaffen. So nah am Wasser, doch wo ist der Zugang? In diesem Geflecht aus Einbahnstraßen und Sackgassen geben wir entnervt unser Ziel auf und parken das Auto neben einer Rasenfläche nahe eines abgezäunten betonierten Bereiches, wo Eltern ihre Kinder Elektroautos fahren lassen. Wir sind nun in Amerika. Zunächst picknicken wir, dann wird unser großes Kind von einem Mann mit seiner kleinen Tochter zum Elektroautofahren eingeladen. Der adrett gekleidete Mann gibt sich als Ingenieur in der Raketenforschung aus, später meint er außerdem im Fremdenverkehr zu arbeiten und auf dem Gelände einige Villen zu vermieten, die er uns explizit anbietet. Dann wird er von einem Mann herangewunken, mit dem er schnell verschwindet um gleich darauf wieder aufzutauchen. Er möchte wissen was wir vorhaben. Wir erzählen, er gibt uns Tipps. Aber trotzdem sind seine Aussagen inkonsistent, ist er sprunghaft, verunsichert. Auch die Frauen sind hier mustergültig gekleidet. Der Verdacht liegt nun so nahe mit einem Spitzel in einer Regierungshochburg zu verkehren, dass wir keine große Lust mehr haben, hier zu bleiben. Ein anderer Verdacht liegt aber genauso nahe: Sind wir jetzt auch paranoid?
Auf unserem Navi zeigt sich der Stausee gewaltig, so dass Niklas auf die Idee kommt, dass da eine riesige Staumauer sein muss, die er unbedingt Elias zeigen möchte. Doch es ist nur konsequent, dass der Zugang weiträumig gesperrt und nur mit einer Genehmigung möglich ist. – Hat die Regierung wirklich so viel Angst vor einem Terroranschlag auf das Lebenselixier von circa 2 Millionen Menschen? Na klar. Wie dumm von uns.
Und dass wir uns gern auch mal als Terroristen fühlen dürfen, ist dem morgendlichen Erlebnis des nächsten Tages geschuldet. Entnervt und vollkommen übermüdet ließen wir noch in der Nacht unweit der Checkpoints unser Heim am breiten Straßenrand stehen. Wir sind gerade aufgestanden, da hält ein Moped neben uns. Der junge Iraner beäugt unser Wohnmobil aus respektabler Distanz, fährt davon und kommt wieder. Dann nimmt er umständlich Kontakt zu uns auf, möchte uns zu sich nach Hause einladen. Wir sagen zu. Es ist anstrengend sich mit ihm zu unterhalten, da er nur bruchstückhaft Englisch spricht. Wir vertrösten ihn auf eine halbe Stunde, da wir noch essen. Er kommt nach 15 Minuten wieder. In seiner Ungeduld und Unbeholfenheit meint er, dass wir aussähen wie Terroristen. – Hat er die Kinder nicht gesehen oder ignoriert? – Nun gut, irgendwie ist das ja auch lustig. Der Sinn steht uns nach Abenteuer, weshalb wir uns von ihm an den Checkpoints vorbei (nicht hindurch) in sein Dorf zu ihm nach Hause eskortieren lassen. Die einst armen Dorfbewohner werden von dem Bau des Staudamms profitiert haben und von dem Sicherheitsappart immer noch profitieren. Davon könnte der nun mehrstöckige Rohanbau mit dem kümmerlichen Hauptgebäude erzählen. Davon könnte auch sein Bruder erzählen, der als Wachmann an ausgerechnet einem dieser Checkpoints Wache schiebt und uns trotzdem nicht zum Damm fahren lässt beziehungsweise lassen darf. Wer an diesem Ort in diesem Dunstkreis aufwächst, darf uns als Terroristen sehen. Und es wundert nicht, das wir ausgerechnet in der Nähe dieses große Werbeplakat (Bitte in der Bildgalerie unten suchen!) sehen. Wäre er nicht so freundlich zu uns und wollten wir ihn kränken, wären wir wegen der Verständigungsschwierigkeiten und des Unbehagens, die diese ganze Region bei uns auslöst, auch nicht so lange geblieben.
Aus Sorge, dass wir den Iran nicht mehr rechtzeitig verlassen können und wir zu spät zu Elias Einschulung in Deutschland sein werden, haben wir in den letzten Tagen gewaltige Distanzen (für familiäre Verhältnisse) zurückgelegt und mindestens zwei Pflichtbesuche im Iran von unserer Liste gestrichen: Persepolis und Shiraz. Sie würden uns sicherlich eine Woche kosten, die wir in wirklich unerträglicher Hitze verbrächten. Das ist wohl der wichtigste Grund, weshalb wir so kurz vor Isfahan gen Westen in die bis zu 4500 Meter hohen Berge des Zagros-Gebirges schwenken.
Schon lange registrieren wir abseits der festen Siedlungen in einfachen Schilfhütten oder Zelten hausende Menschen, die Nomaden, genauer die Bachtiaren. Sie ziehen auf der Suche nach Weideland für ihre Schaf- und Ziegenherden zum Sommer in die Berge des Zagros und zum Winter ins mesopotamische Tiefland.
Themawechsel: Weil wir gerade zu dem Preis für Einheimische getankt haben, wollen wir eine kleine Rechnung aufmachen. Der Liter Diesel kostet 1500 Rial, das sind 150 Tuman, das sind im Sommer 2011 weniger als 9 Euro-Cent. Wir verbrauchen auf 100 Kilometer circa 11,5 Liter Diesel, also gut 1 Euro! Es gab hier in den letzten Jahren enorme Preiserhöhungen. Viele Iraner beschweren sich darüber. Noch an der Grenze hatten wir von Treibstoffschmugglern erfahren, dass 1 Liter Diesel in den 90ern im Irak etwa 1 US-Cent kostete. – Nun bitte wieder beruhigen.
Der Ort Chelgerd liegt mit einer Höhe von 2300 Metern ideal als Ausgangsort für Wanderer und Kletterer im Sommer und Skifahrer und Snowboarder im Winter. Koohrang, so der Name dieser Region, ist ein echter Geheimtipp für Wintersportler, die garantiert unberührten Tiefschnee suchen. Erstmalig auf der Reise wollen wir uns vor das einzige Hotel im Ort zum Übernachten stellen. Wir hatten aus anderen Blogs und Büchern darüber gelesen, dass dies bei vielen Overlandern längst gängige Praxis ist, um sich Zugang zu Sicherheit, Hygiene, Nahrung und Kommunikation zu verschaffen. Bislang hielten wir es nicht für notwendig, doch hier ist es anders. Die fast mittellosen Nomaden leben kulturell bedingt offener, mehr in der Natur, daher näher an der Straße und daher näher an uns als die sesshaften Iraner, die sich in ihren Häusern geradezu verschanzen. Bereits im Dunkeln fahren wir an einem Mann mit schlohweißem Haar vorbei als wir das Hotel Koohrang erreichen. Es stellt sich heraus, dass er der Besitzer des Hotels ist. Zu seiner faszinierenden Erscheinung kommt hinzu, dass er fließend Deutsch spricht – und Englisch sowieso. Wir haben sofort Sympathien für diesen Parviz Satwat und er vielleicht auch für uns als, denn er bietet uns den Hotelaufenthalt (Hotelzimmer) für einen Freundschaftspreis an. Wir sagen zu und genießen ab sofort den Komfort, den uns das hoteleigene Restaurant bietet. Es ist sehr ruhig hier. In diese abseitige Gegend finden kaum Touristen. Parviz nimmt sich viel Zeit für uns. Wir fühlen uns so wohl hier, dass wir 4 Nächte bleiben. (Die Adresse: Hotel Koohrang, Cahar Mahale-ya Bakhtiyari, Koohrang Province / Chelgerd, Iran, Telefon: 0098 382762 2302-9, Mobil: 0098 914 1144030.) Mit ihm, der das Hotel mit seinem Studienfreund nach langen Jahren des Aufenthalts in Österreich und den USA zusammen aufgebaut hat, schauen wir tief in die Abgründe dieses Landes. Auf einer gemeinsamen Jeep-Tour erfahren wir mehr vom harten Leben der einst so stolzen Nomaden. Heute können sie sich kaum selbst versorgen und sind auf Almosen angewiesen.
Wir fühlen uns nun körperlich gerüstet den Schritt in den Glutofen zu wagen. Isfahan ruft!
- Wir sind in der Höhle Ali Sadr.
- Steinerner Blumenkohl in der Höhle Ali Sadr
- Höhle Ali Sadr
- Insgesamt 11 km (!) lange Gänge
- In Hamadan
- Parfümerie in Hamadan
- Die gefühlte Hälfte Hamadans ist Basar.
- Sieg über Israel / Amerika?
- Sind die Panzer ganz links zu erkennen?
- Kebab vom Hausherrn persöhnlich gemacht
- Mit dem Ventilator schnell durchgeheizt …
- … dann wird gegrillt.
- Kidnapper #2
- Er verspottet die deutsche Feinstaubdiskussion.
- In großer Hitze schleppt sich dieser Mann die Straße entlang.
- Das Erfrischungsgetränk mit Cocosstücken kommt aber aus Saudi-Arabien.
- Drive-by shot
- Nach diesem Bild fühlen wir uns…
- … oder wie ich lernte die Melone zu lieben 😉
- Im Paradis
- Fütterungszeit
- Der alte Wohn- und Gebetsraum der Familie nahe dem Staudamm
- Waschtag mit unserer Waschtonne
- Findet sich jemand, der uns das noch einmal übersetzt?
- Der Beweis: 1500 Rial = 9 Euro-Cent für 1 Liter Diesel
- Was? Wie? Wer?
- Flussaufwärts nach Koohrang
- Mädchen der Bachtiaren-Nomaden 1
- Mädchen der Bachtiaren-Nomaden 2
- Mädchen der Bachtiaren-Nomaden 3
- In den Sommermonaten leben die Nomaden in den Bergen.
- Die Bachtiaren sind sehr bunt gekleidet …
- … und recht scheu.
- Einst ein stolzes Volk, heute sehr arm, das mitunter betteln muss.
- An ein hartes Leben von früh auf gewöhnt
- Betteln nach Geld um Schuhe kaufen zu können
- Jemand aus der Sippe verstorben
- Koohrang – Nomadenland
- Das Hotel Koohrang
- Wir haben ein verletztes Jungtier gefunden.
- Parviz Satwat
- Unser Hotelpage – und ja, wir leben noch
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